9783608890143Empfindlichkeit oder Sensitivität bezeichnet: 

1. Einfühlungsvermögen bzw. Empathie: die Fähigkeit, sich in einen anderen Menschen hineinzuversetzen
2. Feinfühligkeit oder emotionale Sensibilität: die eigene Empfindlichkeit durch äußere Einflüsse
3. Sensibilität (Medizin): in Physiologie und Wahrnehmungspsychologie den „fünften Sinn“, das Fühlen
4. Empfindlichkeit eines Organismus für einen äußeren Einfluss: das Gegenteil von Resistenz
5. Sensitivität: die Wahrscheinlichkeit eines statistischen Tests, einen Sachverhalt zu erkennen
6. Empfindlichkeit (Technik): bei Messgeräten das Verhältnis von Ausgangsgröße zu Eingangsgröße

Im Gegensatz zur kognitiven Wahrnehmung, also Dingen, die wir ‘denkend’ erfassen und in uns umsetzen (zuhören, aufnehmen, Zusammenhänge bilden, Lösungen suchen, Antworten bilden und wiedergeben), nehmen wir jene Informationen als ‘Reize’ wahr, welche unsere Empfindlichkeit bzw. Sensibilität beschreiben.

“Jonathan ist elf Jahre alt und interessiert sich für Politik, Astronomie, Geographie und Geschichte. Er verschlingt Lexika, Atlanten und Nachschlagewerke. Im Fernsehen sieht er sich gerne wissenschaftliche Sendungen, Nachrichten und politische Diskussionen an.”

“Mir kommt oft die Selbstverständlichkeit des Lebens abhanden. Wenn ich anfange, über weltpolitische Fragen nachzudenken, gelange ich über Überlegungen zur Evolution des Menschen schnell zur Frage über den Sinn des menschlichen Lebens und ende dann beim Rätsel des gesamten Universums überhaupt”

“Was für die meisten von uns selbstverständlich ist, ist für Hochbegabte oft ein kompliziertes und anstrengendes Unterfangen. Wann muss ich lächeln? Wann und wem gibt man die Hand? Wie ehrlich darf ich Fremden gegenüber sein? Was genau antworte ich, wenn jemand sagt: Jetzt erzähl doch mal von dir?”
Das schlimmste aber ist, wann muss ich jemanden grüßen? Muss ich jemanden grüßen, den ich nur vom Sehen kenne? Will der überhaupt von mir gegrüßt werden? Auf wie viel Meter Abstand muss er herankommen, bevor ich grüße? Wie ich festgestellt habe, wollen viele Leute nicht von mir gegrüßt werden. In meinem Wohnhaus gibt es Leute, die meinen Gruß grundsätzlich nicht erwidern. Ich hasse diese Grüßerei, und deshalb vergesse ich auch oft zu grüßen oder tue es absichtlich nicht.

“Ebenso wie hochbegabte Kinder stellen auch hochbegabte Erwachsene in Freundschaften hohe Ansprüche an Fairness, Zuverlässigkeit, Ehrlichkeit und Loyalität. Sie wünschen sich ein ebenbürtiges Gegenüber, das an lebhaftem Austausch und intensiven Gesprächen interessiert ist. […]
Da viele Hochbegabte in Bezug auf Freundschaften auf eine Reihe negativer Erfahrungen zurückblicken, sehen sie sich in ihren Befürchtungen schnell bestätigt: wieder einmal ist der potenzielle Freund mehr an einem oberflächlichen Kontakt interessiert; wieder einmal zeigt sich, dass man sich nur auf wenige Menschen verlassen kann. Unzulänglichkeiten anderer werden auf diese Weise überinterpretiert und der Hochbegabte zieht sich enttäuscht zurück. […]
Mit dem Blick auf den großen Freundeskreis anderer zweifeln Hochbegabte manchmal an ihrer sozialen Verträglichkeit oder dem Recht auf ihre hohen Ansprüche.”

Was mich an dem Buch am meisten verblüfft hat, ist die Tatsache, dass Andrea Brackmann sowohl das Asperger Syndrom als auch die Borderline Störung mit Hochbegabung in Verbindung bringt.
Beide Störungsbilder sind auf dem ersten Blick extrem unterschiedlich und scheinen zu völlig anderen Dimensionen zu gehören. Da sind auf der einen Seite die in sich gekehrten Autisten, die kaum in der Lage sind Beziehungen zu ihrer Umwelt auszunehmen, sozial ungeschickt sind, alles wortwörtlich nehmen, kaum Gefühlsregungen zeigen, kein Gespür für die Empfindungen ihres Gegenübers haben und sich lieber bis zum Exzess mit Dingen oder Sachthemen beschäftigen. Da sind auf der anderen Seite die exaltierten Borderliner mit ihrer Beziehungssucht, ihren Stimmungsschwankungen und ihrer Fähigkeit andere zu manipulieren.
Sollte das wirklich der Schlüssel sein, nachdem ich so lange gesucht habe?
Frau Brackmann schreibt über Bordies und Aspies:
“Diese beiden Personengruppen weißen viele Gemeinsamkeiten auf: Dazu gehören die extrem intensiv erlebten Gefühle und heftigen emotionalen Reaktionen, sowie die Abwehrmechanismen, um diese aushalten zu können; die geringe Frustrationstoleranz und die Selbstverletzung; die Überempfindlichkeit der Sinneswahrnehmung und die Angst vor körperlicher Nähe und Berührung; Gefühle der Isolation und Einsamkeit sowie die Schwierigkeiten im Kontakt mit anderen; die Sehnsucht nach Kontakten und zugleich die Angst davor; die Verzerrungen oder Besonderheiten in der Wahrnehmung; und nicht zuletzt die überwiegend hoch ausgeprägten intellektuellen oder künstlerischen Fähigkeiten.
Ein wesentliches, gemeinsames Merkmal wäre also eine neuronale Übererregbarkeit, welche sich in Überaktivität des Denkens, emotionaler Hypersensibilität und Überempfindlichkeit der sinnlichen Wahrnehmung äußert
Autisten wären demzufolge extrem hochbegabte Menschen, also Persönlichkeiten mit einer extrem ausgeprägten geistigen Aktivität, emotionalen Hypersensibilität und sensorischer Übererregbarkeit.
Zu diesen Hypothesen passen zahlreiche Forschungsergebnisse über den Zusammenhang zwischen Introversion, Reizsensibilität und Intelligenz. […]

Je höher der Intelligenzquotient einer Person ist, umso introvertierter ist sie; und je introvertierter sie ist, umso sensibler reagiert sie auf Umweltreize.”

  • Hast du das Gefühl, ich bin anders, mit mir stimmt etwas nicht, ich gehöre nicht dazu?
  • Grübelst du wieder und wieder über dich nach, suchst Erklärungen für dein Verhalten, deine Gefühle, dein Denken und verstehst dich nicht?
  • Erlebst du Schmerz und Leid anderer Menschen z.B. in Gesprächen, Filmen, Nachrichten so als wäre es dein eigenes?
  • Fühlst du dich inmitten von Menschen unbehaglich oder gerätst in Panik?
  • Erlebst du abrupt extreme Gefühlsänderungen ohne erkennbare Ursache?
  • Lebst du oft im Gefühl großer Einsamkeit und Leere, auch wenn du unter Menschen bist und viel unternimmst?
  • Hast du eine große Sehnsucht nach Partnerschaft und Nähe, erlebst jedoch auch schnell Panik davor?
  • Verletzt du dich selber?
  • Bist du von Menschen anfangs ganz begeistert und ziehst dich dann von ihnen zurück, weil sie dich enttäuscht haben?

Als nächstes macht sich Andrea Brackmann in ihrem Buch Gedanken darüber, dass alle hochbegabten Klienten an einer erhöhten Erregbarkeit des Nervensystems leiden, mit anderen Worten: alle von ihr untersuchten Hochbegabten sind gleichzeitig Hochsensitive Personen (HSP). Wer meinen oder andere Aufsätze zum Thema HSP gelesen, wird es nicht wundern, dass zwischen Hochsensitivität und Hochbegabung (HB) ein Zusammenhang bestehen muss.
“Vieles deutet darauf hin, dass Hochbegabung auf einer Fähigkeit des Gehirns beruht, Informationen schneller und komplexer zu verarbeiten, als es Normalbegabten möglich ist.[…] Es ist daher nur schlüssig anzunehmen, dass Hochbegabte Reize aller Art intensiver und komplexer verarbeiten.”
Hochbegabte neigen dazu, den Dingen auf den Grund gehen zu wollen, ständig sind sie am Analysieren, fragen nach dem Warum, beleuchten einen Sachverhalte von allen Perspektiven und fühlen sich am Ende verwirrt und orientierungslos im eigenen Gedankendschungel.